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Szenario 1

Claude Cahuns (1894-1954) fotografisches Werk war von der Kunstgeschichte lange übersehen worden, bis es in den 80er Jahren wiederentdeckt wurde und vor dem Hintergrund feministischer Debatten ungeahnte Aktualität erhielt. Mitgeprägt von den zeitgenössischen Strömungen des Symbolismus und Surrealismus entfalten ihre Selbstportraits einen einzigartigen Umgang mit dem eigenen Körper, der als Projektionsfläche sozialer Normierungen, eigener und fremder Begehren inszeniert wird. Ihr Spiel mit Verkleidung und Geschlechtermaskerade stellt Fragen nach dem Verhältnis von Blick und Angeblicktwerden, wie es im visuellen Dispositiv des Portraits wirksam wird. Cahun nimmt dabei auf kulturelle Stereotypen ihrer Zeit Bezug, die sie dekodiert, unterläuft und mit einer subtilen, unberechenbaren Expressivität konfrontiert. Die drei ausgestellten Fotoarbeiten aus den 20er Jahren handeln von einer puppenhaften Verkörperung eines traditionellen Weiblichkeitsschemas, dem Verschwinden der Körpersilhouette zwischen verschiedenen sich überlagernden Verkleidungen sowie einem Spiel mit dem Betrachter als erotisiert-artifizielle Gewichtheberin.
Eran Schaerf bespielt den Ausstellungsraum mit einer kombinierten Wiederaufführung früherer Arbeiten. Die Installation Voile durchspannt den Raum mit einer Stoffbahn, deren Verlauf dessen architektonische Grundstruktur aufnimmt, und schafft so durch eine Geste der Verdoppelung einen zweiten, halbdurchsichtigen Raum. Sie richtet die Aufmerksamkeit auf die Weise, wie die Architektur den Raum als eine Bühne für Blicke und Bewegungen freigibt und damit Möglichkeiten sozialer Interaktion vorgibt und strukturiert. Als blickdurchlässige Barriere, Vorhang und Schleier eröffnet diese Markierung ein Spiel der Sichtbarkeit, das die Codierung von Öffentlichkeit und Intimität durchkreuzt.
Die von Voile geschaffene Raumsituation setzt Eran Schaerf mit der Erzählung der Sapeur fort, die ihren Ausgangspunkt von der Kleidung als Praxis mit vielfältigen kulturellen, geschlechterspezifischen und funktionalen Codierungen nimmt. La Sape (kurz für: La Société des Ambianceurs et des personnes élégantes) ist eine ursprünglich im Kongo beheimatete Bewegung, deren überwiegend männliche Protagonisten westliche Modemarken zur distinguierenden Selbstdarstellung verwenden. Die verschlungenen Pfade globaler Austauschprozesse und die widersprüchlichen Momente, die sich in Prozessen der Aneignung und Übersetzung ergeben, fügt Eran Schaerf in ein narratives Setting: Ein Hemd von Paul Smith wird zum krisenhaften Moment im Leben eines Sapeurs. In Paris trifft der Sapeur auf das Hemd, das eine eigene Geschichte der Migration hat. Es ist aus einer Kanga gefertigt, einem rechteckigen Stück Stoff, das in Afrika in verschiedenen Funktionen als Kleidungsstück verwendet wird.

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