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Szenario 6 (27. Juni bis 25. Juli 2009)

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Das abschliessende Szenario der Ausstellungsreihe fake or feint setzt sich mit Sichtbarkeit und Identität, medialen Strategien und dem öffentlichen Raum auseinander. Gezeigt werden eine Soundinstallation der Gruppe e-Xplo mit Jaime Lutzo, eine installative Bild-Assemblage von Tom Holert, eine Bildschirminstallation von Daniel Knorr, sowie eine Zweikanal-Videoinstallation von Eske Schlüters/Axel Gaertner.

Die Gruppe e-Xplo (Erin McGonigle, Rene Gabri, Heimo Lattner) und Jaime Lutzo präsentieren die neu entstandene Arbeit „Einmal ist Keinmal“. Deren Ausgangspunkt bildet die unmittelbare Umgebung der Ausstellungsräume, das ‚Berlin Carré‘ am Alexanderplatz. Rechnet man das Atypisch-Unfunktionale dieses Einkaufszentrums und dessen Nutzung als Treffpunkt bestimmter Gruppen wie beispielsweise der Emo-Kids ab, so ergibt sich das Bild eines Ortes an dem die soziale Interaktion durch Akte des Kaufens und Verkaufens bestimmt ist. Deren intimste Ausprägung findet sich noch im Bezahlen mit Kreditkarte – auf der der eigene Name vermerkt ist.
Mit ihrer Arbeit schaffen e-Xplo innerhalb der Ausstellungsräume die Möglichkeit einer Aneignung und Weitergabe von Erfahrungen. Hierbei gehen sie von Walter Benjamins kurzem Aufsatz ‚Der Erzähler‘ aus, der selbst ein herausragendes Beispiel des Nach- und Weitererzählens von Geschichten ist. Ihm entnimmt die Arbeit den Fokus auf die zwei wesentlichen Figuren im Akt des Erzählens. Das Spezifische des Erzählers liegt darin, dass er Erfahrungen weitergibt. Der Zuhörer wiederum führt die Geschichte weiter, indem er sie im Gedächtnis behält und interpretiert, ihr allerdings auch weiteres hinzufügt, und sie so zum Teil ihrer oder seiner eigenen Erfahrung macht. Für ihre Arbeit haben sie zwei Szenarien entwickelt, in welchen die beiden Schauspieler Robin Arthur und Angelika Sautter diese beiden Rollen einnehmen und anhand von zwei Geschichten reflektieren. In einem installativen Setting im Ausstellungsraum können sie in Form einer Schallplatte über einen Lautsprecher angehört werden.

Daniel Knorrs neu enstandene Arbeit „Index“ befasst sich mit der kulturpolitischen Landschaft Berlins und der Rolle, die Ausstellungsorte darin spielen. Als einer der gegenwärtig wichtigsten Orte für zeitgenössische Kunst besitzt die Stadt eine kulturelle Identität, die von vielen Seiten geformt und vielen „Machern“ erzeugt wird. Für die Arbeit werden Ausstellungsorte der Stadt Berlin und die dort gezeigten Werke fotografiert und in eine Bildschirm-Präsentation gebracht. So entsteht eine „historische“ Position des Juni 2009, die die verschiedenen Entwicklungsstränge von Kulturproduktion in einer Momentaufnahme zusammenfasst und es möglich macht, sie in Hinblick auf kommende kulturpolitische Entwicklungen in die Zukunft zu projizieren. Den konzeptuellen Ausgangspunkt der Arbeit, die in einem eigens neu zugänglich gemachten Raum im Berlin Carré gezeigt wird, bildet die Praxis der Selbst-Kontextualisierung. Ein sogenannter Off-Space ist immer zunächst mit der eigenen Kontextualisierung befasst, ebenso wie ein Künstler damit, sich selbst kunsthistorisch zu kontextualisieren. Die Präsentation von „Index“ ermöglicht es dabei Künstler, Arbeit und Raum (fake or feint) ihre Stellung innerhalb von „vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen“ Formen der Kunstgeschichte zu materialisieren, indem sie schlicht dasjenige zeigen, was außerhalb ihrer künstlerischen Praxis liegt.

Eske Schlüters‘ und Axel Gaertners Zweikanal-Videoinstallation „Límite Meanwhile“ bezieht sich auf Mittel der Maskerade im Kontext politischer Ausdrucks- und Handlungsformen. Prominent ist die ‚Pasamontaña‘ (zu deutsch: Sturmhaube) seit den 90er Jahren durch die mexikanischen Zapatisten und vor allem ihres Sprechers Subcomandante Marcos geworden. Ursprünglich ein Schutz ihres Trägers vor Identifizierung durch staatliche Organe, hat sie sich hier gleichermaßen zum Ausdruck einer überindividuellen Gruppenidentität und einer vielzitierten Medienikone entwickelt. Neben Medienbildern aus dem Kontext der Zapatisten taucht die Sturmhaube in der Arbeit allerdings auch in footage aus Filmen von Costa Gavras und Techiné sowie selbstgedrehtem Material auf. Eine sich wiederholende aber immer leicht variierte Bildsequenz wird dabei von einer aus kurzen Abschnitten montierte Tonspur begleitet, die Bezüge zu Themen von Identität, Maskerade und politischem Handeln eröffnet. Montage von Bild- und Tonspur folgen dabei dem Konzept der freien indirekten Rede, die visuelle und sprachliche Bedeutungselemente unabhängig von deren dokumentarischer oder fiktionaler Herkunft reorganisiert und in Beziehung setzt. Diese Vorgehensweise hat den Effekt, dass die Autor- oder Sprecherposition nicht eindeutig besetzt, sondern gleichzeitig verunklärt und vervielfacht wird – das Motiv der Maskerade auf struktureller Ebene fortsetzend. Es entsteht eine suggestive Erzählung, deren Betrachtung zwischen dem Erfassen eines unmittelbaren wörtlichen oder bildlichen Sinngehalts und dem Erahnen historischer und fiktionaler Kontexte und Referenzen oszilliert.

Unter dem Titel „Carrying Pictures“ präsentiert der Kunsthistoriker und Kulturwissenschaftler Tom Holert eine Installation von Auszügen seines Bildarchivs. Das Tragen von Bildern ist ursprünglich im Kontext religiöser Prozessionen beheimatet. Modernere Beispiele des Tragebilds sind Portraits von Politikern oder Fotos von vermissten oder getöteten Verwandten. Deren mobile Zurschaustellung, etwa bei Demonstrationen, ist zu einer weitverbreiteten Konvention der Kundgabe von politischen Überzeugungen und öffentlicher Anklage geworden. Die Prägnanz einer derartigen Inszenierung verdankt sich dem bedeutungsproduktiven Austausch, der sich zwischen der Autorität der Bilder und der Authentizität und ‚Lebendigkeit‘ ihrer Trägerinnen vollzieht. So können letztere mit Blick auf internationale Medienöffentlichkeiten damit rechnen, dass sie selbst als Motiv für anwesende Fotografinnen und Kameraleute interessant sind. Die installative Zusammenstellung bildjournalistischer Beispiele zielt darauf, die besondere Materialität und Affektivität der öffentlichen Zurschaustellung von Bildern durch menschliche Bildträger erkennbar zu machen. Sie partizipiert an der Auseinandersetzung über visuelle Atlanten und andere argumentierende Bild-Assemblagen und wirft die Frage auf, in welchem Verhältnis eine solche Praxis zu den Möglichkeiten ihrer Ausstellung im Rahmen eines Kunstprojekts wie fake or feint steht.

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